Lebst Du Leidenschaft?

Leidenschaft basiert auf starken und intensiven Empfindungen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen menschlichen Trieb, sondern um eine grundsätzliche Lebenskraft, die in allen von uns schlummert und in vielen Lebensbereichen und Daseinsebenen erfahr- und lebbar ist. Es wäre ein Irrtum zu glauben, Leidenschaft handle einzig von starken inneren Impulsen des Empfindens, Begehrens und Erlebens in Sachen romantischer oder körperlicher Liebe. Sie ist weit mehr, spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab und hat unterschiedliche Erscheinungsformen – und: Sie spielt eine wichtige Rolle in einer Zeit, in der wir aufgefordert sind, uns noch stärker zu entfalten!

Was bedeutet für Dich Leidenschaft?

Jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung, was für ihn Leidenschaft bedeutet, aber nicht jeder hat sie schon in sich entdeckt und entfacht. Während für den einen das Tanzen eines Tangos eine leidenschaftliche Angelegenheit ist, folgt ein anderer voller Passion seinem Beruf und ein Dritter empfindet Leidenschaft, wenn er die Frau seines Begehrens berührt. Alle Drei sind voller Begeisterung bei der Sache und widmen sich ihr mit absoluter Hingabe. Das verbindet sie mit dem Wesen der Leidenschaft.

Einer Leidenschaft in gesundem Maße nachzukommen, verspricht Genuss, positiv empfundene Intensität und bewusst erlebte Fülle, die sich in Form einer ganz besonderen Energie im Inneren ausbreitet. Leidenschaft erzählt von starker Hingabe, tiefer Begeisterung, Enthusiasmus und einem von der Ratio nur schwer einzureihenden Verhalten. Ihre Kraft entspringt dem inneren Feuer, das einen zu wunderbaren Leistungen antreibt. Menschen, die leidenschaftlich sind, erkennt man daran, dass sie vor Energie sprühen, sich einer Sache mit ganzem Herzen verschreiben, charismatisch wirken und auf ihre Umgebung inspirierend wirken. Leidenschaftliche Persönlichkeiten bewirken durch ihr Sein etwas im Leben anderer. Sie verfolgen ihre Ziele mit konzentrierter Energie und lassen sich nicht so schnell von ihren Vorhaben abbringen. Ihr Ausdruck ist echt und sie fühlen sich wohl in ihrer Haut.

Wie leidenschaftlich bist Du?

Alles beginnt mit unserer Begeisterung für das Leben und der Dankbarkeit für die zahlreichen Möglichkeiten, es zu erfahren und umzusetzen. Indem wir in unserem Alltag das zu tun beginnen, was uns begeistert und Freude in uns auslöst, und es weiterführen, entzünden wir das innere Feuer. Geben wir den Bedürfnissen unserer Seele und unseres Herzens Raum und kommen wir ihnen nach, finden wir zu einem Leben leidenschaftlicher Natur. Gelebte Leidenschaft ist das Fundament unserer individuellen Schaffenskraft. Sie entspringt der Selbstliebe und dem Selbstbewusstsein. Je mehr wir uns selbst annähern und selbst erkennen, desto leidenschaftlicher werden wir in dem, was wir tun. Entflammt die Leidenschaft, werden enorme Energien in Bewegung gesetzt, die uns anspornen, etwas Bedeutendes zu schaffen. Leidenschaftliche Begeisterung lässt uns fokussierter, beweglicher und vor allem lebendiger sein. Packt uns die Leidenschaft, können wir fast alles erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Sie ist ein uns unermüdlich antreibender Motor, der enorme Kräfte und intensive Glücksgefühle freisetzt.

Selbst Georg W. F. Hegel (1770–1831)
und Immanuel Kant (1724–1804),
die sich in erster Linie mit der Funktionsweise unseres Geistes
und der Bedeutung der menschlichen Vernunft beschäftigten, räumten ein,
dass ohne Leidenschaft nichts Großes erreicht werden könne.

Leidenschaft ist nichts anderes als die Lust auf das eigene Ich und das Leben. Das ist letztlich auch die Voraussetzung dafür, dass die Leidenschaft ihren Weg in unser Liebesleben findet und nicht umgekehrt. Leiden wir an Lustlosigkeit, ist dies nichts anderes als ein Resultat fehlender Leidenschaft, eines zu dominierenden Verstandes und blockierter Kreativität. Darüber hinaus bedeutet es, dass wir der Liebe in jeglicher Form zu wenig Platz in unserem Leben zugestehen. In diesem Fall gilt es, ihr ganz allgemein wieder oder endlich einen zentralen Stellenwert zu geben: sowohl der Liebe zu sich selbst und den eigenen Ressourcen als auch der Liebe zu anderen Menschen. Sie in unserem Innern entzünden können wir letztlich aber nur selbst. Wir alleine besitzen den Schlüssel für diese Tür.

Sind wir lust- und leidenschaftslos, können uns folgende Punkte dabei unterstützen, wieder zu einem lustvollen Leben zu finden:

  • Selbstbewusstsein schaffen und sich mit der eigenen Person auseinandersetzen,
  • sich dem authentischen Selbstausdruck verpflichten,
    die eigene Kreativität fördern und ausdrücken (bspw. musisch, geistig, handwerklich etc.)
  • der Freude folgen und leben,
  • sich mit Dingen und Menschen umgeben, die einen inspirieren und positive Gefühle auslösen, 
  • lernen, sich zu entspannen und sich auch einmal dem Nichtstun hingeben,
  • etwas wagen, mutig sein – etwas „Ver-rücktes“ tun und aus der eigenen Komfortzone heraustreten,
  • Genuss und Sinnlichkeit in das eigene Leben bringen.

Leidenschaft zu leben bedeutet für die meisten Menschen ein Wagnis. Sich aus Angst vor einem eventuellen Kontrollverlust der Leidenschaft zu verschließen, empfiehlt sich aber keinesfalls. Wie gerne wir Risiken eingehen und wie gewinnbringend das für uns ist, hängt wiederum von unserer Prägung und unseren individuellen Lebensaufgaben ab. Ganz allgemein gilt jedoch: Wenn wir in unserem Leben weder kleinere noch größere Risiken einzugehen wagen, führt das früher oder später zu Erstarrung, Depression oder Frustration. In der Astrologie wird das Risiko demselben Horoskopbereich zugeordnet, zu dem auch die Themen «Selbstausdruck», «Lebenslust», «Erotik», «Spiel und Spaß», «Leidenschaft», «das innere Kind», «Kreativität und Schöpferkraft» gehören. Das verdeutlicht, wie stark das Wesen der Leidenschaft mit dem inneren Feuer und dem authentischen Schöpfertum zusammenhängt und wie sämtliche Aspekte des Lebens ineinander übergehen, sich nähren und gegenseitig befördern.

Eine gesunde und bewusst gelebte Leidenschaft zeugt vom Ausdruck unseres inneren Feuers, das uns brennen, aber weder aus- noch verbrennen lässt. Leidenschaft verlangt von uns höchste Achtsamkeit und Bewusstheit. Wie essentiell der bewusste Umgang mit dieser dynamischen Energie ist, zeigt sich auch anhand der Mechanismen körperlicher, sexueller Leidenschaft. Ihre Intensität ist das Ergebnis des Ausdrucks selbstbewusster Energien und der gleichzeitigen Erfahrung des Empfangens und darin Aufgehens. Kommt es hier zu einem Ungleichgewicht der Kräfte, bedeutet das Leiden, Zwanghaftigkeit oder Sucht einerseits oder Lustlosigkeit andererseits. Viele Herausforderungen in sexuellen Beziehungen entstehen aufgrund eines Ungleichgewichts zwischen den Energien des Gebenden und des Empfangenden, des Männlichen und des Weiblichen.

Letztlich ist es die Leidenschaft, die wir in uns entfachen, mit der wir etwas tun und die wir fühlen, welche uns erfolgreich sein lässt. Beim Ausüben unseres Berufes macht unsere Leidenschaft beispielsweise den feinen und entscheidenden Unterschied. Sie ist es, die uns von anderen unterscheidet und unsere Arbeit von genauso oder zumindest ähnlich talentierten Menschen abhebt. Nutzen wir unsere Begabungen, bauen wir diese aus und sammeln wir Erfahrungen damit, werden wir zum Spezialisten in unserem Fach. Dann sind wir gut oder sogar sehr gut in dem, was wir tun. Fügen wir unserem Talent noch Leidenschaft hinzu, werden wir zum Meister in unserer Berufung, der andere durch sein Dasein berührt.

Möchten wir bloß existieren oder leben?
Wollen wir das Leben in seiner Wahrhaftigkeit und Intensität spüren und erleben?
Jeder von uns hat darauf eine eigene Antwort zu finden.
Mit oder ohne Leidenschaft.

Ein Leben ohne Passion kann vernünftig sein, meistens ist es aber genauso langweilig und uninspiriert. Es sind unsere einzigartigen, speziellen und intensiven Gefühle, die das Leben lebenswert und zu einem leidenschaftlichen Unterfangen machen. Erst durch gelebte Leidenschaft können wir unser Leben und die Begegnungen mit anderen Menschen zu etwas Besonderem werden lassen.

(aus: Christine N. Kloess, WIR SIND. In sich das Gemeinsame entdecken, Kamphausen Mediengruppe 2013)

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